Studieren mit Deutsch als Fremdsprache

Erfahrungsbericht eines Studenten der nicht mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen ist und die SoWi STEOP+ positiv absolviert hat.

 

„Ich bin in Tschechien geboren, aufgewachsen und nach der Matura bin ich nach Wien gegangen um  Soziologie zu studieren. Bei der ersten Vorlesung die ich besucht habe (Grundlagen sozialwissenschaftlicher Methodologie), habe ich fast gar nichts verstanden. Nach ca. zwei Monaten habe ich aber die STEOP-Prüfungen mit einer „3“ bestanden und ca. 2 Jahre später war ich als Studienassistent, paradoxerweise für die Vorlesung „Grundlagen sozialwissenschaftlicher Methodologie“ angestellt. Aus dieser Sicht glaube ich, dass ich den Anfang des Studiums in einem fremden Land, gut bestanden habe und möchte in diesen Artikel Studierenden, die mit gleichen Problemen konfrontiert sind, Tipps geben, wie sie den Anfang auf einem neuen Uni, in einer neuer Land und in einer fremden Sprache schaffen können.“

 

Integration

Einer der wichtigsten Punkte für einen erfolgreichen Studienbeginn in einem fremden Land ist die Integration. Am Anfang ist man von der unbekannten Uniorganisation, der fremden Sprache, dem Lernstoff, der Bürokratie etc. ziemlich überfordert. Man kann alle diese Herausforderungen alleine schaffen. Aber in einer Lerngruppe, Mentoringgruppe, Basisgruppe oder einfach mit einem Freundeskreis, geht das alles viel besser!
Am Anfang sind alle auf der Uni fremd, kennen sich nicht aus, sind ein bisschen unsicher, schüchtern etc. Das ist zwar unangenehm, gleichzeitig bildet es aber eine wunderbare Grundlage dafür, neue Menschen kennenzulernen und neue Freundschaften zu knüpfen. Haben Sie also den Mut fremde Personen anzusprechen, trauen Sie sich die diversen Vernetzungsmöglichkeiten zu nutzen und einen Freundeskreis zu bilden. Es bringt Ihnen viele wertvolle Vorteile:

  • Man wird in einem fremden Land, in dem man niemanden kennt, nicht mehr einsam sein. Das ist aus der Sicht psychosozialer Gesundheit von zentraler Bedeutung. Allein in einer neuen Umwelt zu sein kann sehr belastend sein. Wenn man keine Ansprechpersonen und Menschen mit denen man sein Lebenswelt teilt hat, wird der Ort, an dem man sich befindet, nicht besonders positiv wahrgenommen. Mit einem Freundeskreis geht alles nicht nur viel besser, sondern man wird auch einen positiveren Bezug zu der neuen Umwelt - in diesem Fall zu Wien und der Universität Wien - herstellen können.
  • Man wird mit den Menschen regelmäßig deutsch sprechen. Eine Sprache kann man am besten lernen, wenn diese aktiv gebraucht wird. Ein Abend im Freundeskreis bringt oft viel mehr, als eine Woche lang aus Büchern zu lernen. Man lernt Begriffe, Phrasen und Sachen, die im Alltag verwendet werden, die aber nirgends in der Literatur stehen.
    Zudem lässt sich sagen, dass man, um ein bestimmtes Level in einer Sprache zu erreichen, dafür ein bestimmtes Ausmaß an Stunden aktiven Sprachgebrauchs benötigt. Ob man dieses Level (z.B. 100 Stunden) in einem Monat gemütlich mit Freunden, oder in drei Jahren irgendwo anders schafft, macht bezüglich des Studiums einen sehr großen Unterschied.
  • Man teilt Wissen mit anderen KollegInnen. Nicht nur Sie, sondern auch viele StudienkollegInnen mit deutscher Muttersprache müssen die wissenschaftlichen Begriffe oft neu lernen, weil sie sie nicht kennen. In einer gemeinsamen Diskussion setzen Sie sich mit den Begriffen tiefer auseinander und erfassen sie somit besser, als alleine. Wenn die KollegInnen die Begriffe bereits kennen, erklären sie es Ihnen sehr wahrscheinlich gerne. Wenn sie das tun, lernen sie selber dazu. Zuletzt muss man erwähnen, dass man in einer Lerngruppe bzw. Freundeskreis die Mitschriften und Zusammenfassungen teilen kann! Für eine Person, die die Sprache nicht sehr gut kennt, ist die Menge an Pflichtliteratur im ersten Semester oft kaum bewältigbar. Zusammenfassungen sparen Ihnen Zeit beim Lernen und es fällt Ihnen somit leichter, sich auf die gesamte Pflichtliteratur vorzubereiten. Wissenslücken, die durch Zusammenfassungen im Vergleich zum Originaltext entstehen, können Sie dann in einer Lerngruppe gemeinsam klären und sich damit zwar kein perfektes, jedenfalls aber ein relativ gutes Wissen aneignen.

 

Integrationsprobleme

Der Prozess der Integration ist nicht einfach und bringt einige Schwierigkeiten mit. An dieser Stelle versuche ich auf die wichtigsten einzugehen.

  • Man hat das Gefühl, dass man schlechter als die Anderen redet. – Obwohl diese Annahme logischerweise im Vergleich zu MuttersprachlerInnen stimmt, ist die Selbstwahrnehmung oft viel kritischer als die Fremdwahrnehmung. Die Anderen erkennen gleich, dass Deutsch nicht Ihre Muttersprache ist und werden sich deswegen nicht wundern, wenn Ihre Grammatik oder Ihr Wortschatz nicht perfekt ist. Bei Kommunikation geht es immer auch um die Vermittlung von Sinn. Sie wollen etwas mitteilen und das, was sie mitteilen wollen, verstehen die Anderen oft problemlos, obwohl die Form (Grammatik) eventuell nicht ganz sauber ist. Seien Sie also mutig und haben Sie keine Angst auch mit Fehlern zu sprechen!
  • Man versteht im Vergleich zu den Anderen weniger, worüber gerade gesprochen wird – Das ist auch logisch, aber vor allem gruppendynamisch sehr belastend. In einer Gruppe reden Menschen, im Vergleich zu einem Gespräch von zwei Personen sehr schnell miteinander. Man muss also konzentrierter aufpassen worüber gesprochen wird und gleichzeitig auch spontaner und schneller reagieren, damit man zu Wort kommt. Das macht aus Gruppen eines der schwierigsten sozialen Settings für FremdsprachlerInnen überhaupt. Die Anderen wissen besser als Sie worum es geht und trauen sich auch schneller zu reagieren. Wichtig ist, diese Tatsache als etwas Normales zu betrachten und sich trotzdem nicht vor Gruppen zu scheuen. Langsam wird Ihre Fähigkeit, in Gruppen zu kommunizieren, immer besser, bis sie genauso gut wird, wie in Ihrer Muttersprache. Bei mir hat dieser Prozess zwei bis drei Jahre gedauert.
    An dieser Stelle ist zu erwähnen, dass man sich auch mit anderen FremdsprachlerInnen, die aber nicht die gleiche Muttersprache haben, vernetzen kann, weil dadurch das Problem der unterschiedlichen Deutschniveaus teilweise wegfällt.
  • Man vergleicht sich mit den Anderen. Dieser Fehler passiert schon bei der Sprache und zieht sich in viele weitere Bereiche. Man muss annehmen, dass man mit den Anderen nicht gleich ist, wenn man eine andere Muttersprache (und somit ganz andere Kommunikationskompetenzen und kulturellen Hintergrund) hat und wenn man die Fremdsprache noch nicht perfekt beherrscht. Die Anderen können einfach besser sprechen, schaffen es die Texte viel schneller zu lesen, können in Gruppen besser interagieren etc. Man kann es mit der Zeit nachholen, aber am Anfang ist das einfach so. Wenn man als FremdsprachlerIn in einer Lerngruppe im Vergleich zu den anderen viel weniger redet, ist dies vollkommen ok. Man sollte sich darüber freuen, dass man überhaupt fähig ist in der Runde zu sitzen und etwas zu sagen hat, statt sich zu ärgern, dass man schlechter als die Anderen kommuniziert, oder dass man Angst hat, etwas zu sagen etc. Studieren in einer fremden Sprache ist nicht einfach, aber einmal haben Sie sich für diese Weg entschieden und deshalb müssen Sie diese härteren Teile einfach in Kauf nehmen.
  • Tagelang in einer fremden Sprache zu denken kostet viel Energie. – Dieses Problem ist vor allem in den ersten Tagen in einer neuen Umwelt spürbar. Man geht zu der ersten Infoveranstaltung und nach wenigen Stunden ist das Gehirn komplett fertig. Man ist müde und hat das Gefühl, dass man kein einziges Wort mehr versteht. Das ist vollkommen normal, weil das Gehirn die ganze Zeit Vollgas arbeitet. Wichtig ist es, sich dieser Erkenntnis bewusst zu sein, und seinen Alltag dementsprechend anzupassen: Genug oder sogar ein bisschen länger schlafen, sich gut und richtig ernähren, sich regelmäßig kurze Pausen gönnen, an die frische Luft gehen, sich bewegen, genug Spaß haben, aber auch sich genügend auszuruhen, ein gutes soziales Leben führen etc. Dies sind alles Faktoren die unsere Sprachkompetenz viel mehr beeinflussen, als man sich bewusst ist. Ein trauriger, müder, hungriger Mensch spricht natürlich viel schlechter als ein frischer, gut gelaunter, fitter Mensch. Lassen Sie sich also Zeit auch für sich selbst. Einmal pro Woche kein Deutsch zu reden, ist manchmal sehr hilfreich!

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Einstieg in ihr neues Studium und herzlich Willkommen in Österreich!

*An dieser Stelle möchte ich Freunden aus meiner Lerngruppe, mit denen wir uns in dem ersten Semester gegenseitig unterstützt haben sehr bedanken, ohne sie hätte ich das wahrscheinlich nie geschafft.